
Die Schweiz hat sich zu einem der bedeutendsten Ökosysteme für Robotik und Physical AI in Europa entwickelt. ANYbotics, RIVR, mimic Robotics, Algorized, DistalMotion und Sevensense – sechs Startups, die 2025/2026 mit frischen Finanzierungsrunden und technologischen Durchbrüchen von sich reden machen.
Die Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der bedeutendsten Ökosysteme für Robotik und Physical AI in Europa entwickelt. Getragen von einer einzigartigen Kombination aus ETH Zürich, EPFL Lausanne, einem dichten Netzwerk von Risikokapitalgebern und einer langen Tradition in der Präzisionstechnik, entstehen hierzulande Unternehmen, die den globalen Markt für autonome Systeme massgeblich prägen. Im Jahr 2026 sind es insbesondere sechs Startups, die mit frischen Finanzierungsrunden, internationalen Expansionen und technologischen Durchbrüchen von sich reden machen.
ANYbotics aus Zürich gilt als das bekannteste Aushängeschild der Schweizer Robotik-Szene. Das 2016 aus der ETH Zürich ausgegründete Unternehmen entwickelt mit dem ANYmal einen vierbeinigen Inspektionsroboter, der in industriellen Umgebungen wie Öl- und Gasanlagen, Kraftwerken und Chemiewerken autonom Rundgänge durchführt, Anomalien erkennt und Messwerte erfasst – ohne dass ein Mensch die gefährliche Anlage betreten muss.
Im September 2025 gab ANYbotics bekannt, dass das Unternehmen seine Gesamtfinanzierung auf über 150 Millionen Dollar ausgebaut hat. Climate Investment, ein auf Dekarbonisierung spezialisierter Fonds, schloss sich als strategischer Investor an und brachte zusätzliche 20 Millionen Dollar ein. Die Partnerschaft mit dem japanischen Automatisierungskonzern Yokogawa sowie die ISO-27001-Zertifizierung für Informationssicherheit unterstreichen, dass ANYbotics den Sprung vom Startup zum etablierten Industrielieferanten vollzogen hat. Aktuell ist ANYmal auf fünf Kontinenten im Einsatz, und die Nachfrage aus dem Energiesektor – insbesondere für die Inspektion von Offshore-Plattformen und Wasserstoffanlagen – wächst stetig.
Kaum ein Rebranding in der Schweizer Startup-Szene war so konsequent wie jenes von Swiss-Mile zu RIVR im März 2025. Das aus der ETH Zürich stammende Team um Marko Bjelonic hatte ursprünglich einen vierbeinigen Roboter mit Rädern an den Füssen entwickelt – eine Hybridlösung, die sowohl auf Treppen als auch auf Asphalt effizient navigiert. Mit der Umbenennung schärfte das Unternehmen seinen Fokus auf die letzte Meile der Paketzustellung.
Im gleichen Monat sicherte sich RIVR eine Seed-Finanzierung von 22 Millionen Dollar, angeführt von Jeff Bezos und dem chinesischen Fonds HongShan. Seitdem hat RIVR Pilotprojekte in Barnsley (UK), Pittsburgh (USA) und Regensdorf (Schweiz) gestartet. Der RIVR ONE navigiert autonom auf Gehwegen, überquert Strassen an Fussgängerstreifen und liefert Pakete direkt an Haustüren – ohne menschliche Fernsteuerung. Das Unternehmen positioniert sich mit dem Slogan «1 Mensch, 1000 Roboter» als Antwort auf den globalen Fahrermangel im Logistiksektor.
Wer Roboterhände bisher als klobige Greifer kannte, wird von mimic Robotics überrascht. Das Züricher Startup, das im September 2025 aus dem ETH AI Center hervorging, hat sich auf dextere Manipulation spezialisiert: Roboterhände, die komplexe Handgriffe – Schrauben, Falten, Sortieren, Montieren – mit menschenähnlicher Präzision ausführen können.
Im November 2025 schloss mimic eine Seed-Runde von 16 Millionen Dollar ab, angeführt von Benchmark Capital. Das Kernprodukt ist ein KI-Foundation-Modell für Dexterität, das auf Demonstrations-Daten trainiert wird: Ein Mensch zeigt dem System eine Aufgabe einmal vor, und der Roboter generalisiert diese Fähigkeit auf neue Objekte und Situationen. Forbes bezeichnete mimic als «das Schweizer Startup, das es mit den Tech-Giganten aufnimmt» – ein Verweis auf die direkte Konkurrenz zu Googles DeepMind und Metas Robotik-Forschung. Erste Industriekunden aus der Elektronikfertigung und der Pharmaindustrie testen die Technologie bereits.
Während die meisten Robotik-Startups sichtbare Hardware entwickeln, arbeitet Algorized an der unsichtbaren Schicht darunter: einem Edge-nativen KI-Foundation-Modell, das Maschinen ermöglicht, menschliche Absichten in Echtzeit zu erkennen und darauf zu reagieren – über mehrere Modalitäten wie Wi-Fi-Signale, Kameras und Bewegungssensoren hinweg.
Im Februar 2026 schloss Algorized eine Series-A-Runde von 13 Millionen Dollar ab, angeführt von Run Capital. Der Durchbruch kam beim CES 2026, wo Algorized gemeinsam mit KUKA und ASUS eine Demonstration zeigte, bei der Roboter ohne explizite Befehle auf die Anwesenheit und Bewegungen von Menschen reagierten. Algorized-CEO Natalya Lopareva führt ausserdem das Schweizer Nationalteam bei internationalen Startup-Wettbewerben an. Das Unternehmen arbeitet derzeit mit grossen Automobilherstellern und Industriekonzernen zusammen, um seine Technologie in Produktionslinien zu integrieren.
Im Bereich der medizinischen Robotik setzt DistalMotion aus Lausanne Massstäbe. Das Unternehmen hat mit dem DEXTER einen laparoskopischen Chirurgieroboter entwickelt, der bestehende Operationssäle nachrüstet, ohne dass ein vollständiger Systemwechsel notwendig ist. DEXTER ist modular, kostengünstiger als Konkurrenzprodukte und speziell für minimalinvasive Eingriffe konzipiert.
2025 war ein Rekordjahr für DistalMotion: Im März wurde der erste DEXTER in den USA verkauft – an das Memorial Hermann Health System in Texas. Im November folgte eine Finanzierungsrunde von 150 Millionen Dollar, um die US-Expansion zu beschleunigen. Im Januar 2026 sicherte sich das Unternehmen eine weitere strategische Investition zur Erschliessung ambulanter Operationszentren (ASCs). Mit klinischen Meilensteinen in Europa und Nordamerika positioniert sich DistalMotion als ernsthafter Herausforderer für Intuitive Surgical, den Marktführer mit dem Da-Vinci-System.
Sevensense Robotics aus Zürich hat einen besonderen Weg genommen: Das 2018 gegründete Startup, das Visual-SLAM-Technologie für autonome mobile Roboter entwickelte, wurde im Januar 2024 vollständig von ABB übernommen. Was zunächst wie ein Exit aussah, ist in der Praxis eine Skalierung: ABB integriert die Sevensense-Technologie in seine globale Flotte autonomer mobiler Roboter (AMRs) und macht die Züricher Navigationslösung damit zum Standard in Tausenden von Lagerhäusern und Fabriken weltweit.
Die Sevensense-Technologie ermöglicht es Robotern, in dynamischen, vollbesetzten Umgebungen präzise zu navigieren – ohne Bodenmarkierungen oder externe Infrastruktur. Dieser Ansatz ist besonders wertvoll in Umgebungen, die sich häufig verändern, wie Distributionszentren oder Krankenhauskorridore.
Was macht die Schweiz zu einem so fruchtbaren Boden für Robotik-Startups? Erstens die Forschungsinfrastruktur: Die ETH Zürich und die EPFL gehören zu den weltweit führenden technischen Hochschulen und produzieren kontinuierlich Spin-offs mit marktreifer Technologie. Zweitens das Kapital: Trotz eines insgesamt schwierigen Risikokapitalumfelds in Europa flossen 2025 erhebliche Mittel in Schweizer Robotik-Unternehmen – allein die sechs hier vorgestellten Unternehmen haben zusammen über 350 Millionen Dollar eingesammelt. Drittens die Präzisionskultur: Die Schweizer Tradition in der Uhrmacherei, im Maschinenbau und in der Medizintechnik schafft ein industrielles Umfeld, das hohe Qualitätsansprüche normalisiert.
| Unternehmen | Gründungsjahr | Technologie | Finanzierung (2025/26) | Hauptmarkt |
|---|---|---|---|---|
| ANYbotics | 2016 | Vierbeinige Inspektionsroboter | +20 Mio. USD (Gesamt: >150 Mio.) | Energie, Industrie |
| RIVR | 2023 | Wheeled-legged Lieferroboter | 22 Mio. USD Seed | Logistik, Last Mile |
| mimic Robotics | 2025 | Dextere Roboterhände, KI-Modell | 16 Mio. USD Seed | Fertigung, Pharma |
| Algorized | 2022 | Edge-KI für Physical AI | 13 Mio. USD Series A | Automobil, Industrie |
| DistalMotion | 2012 | Chirurgischer Roboter DEXTER | 150 Mio. USD | Medizin, USA |
| Sevensense/ABB | 2018 | Visual SLAM Navigation | Akquisition durch ABB | Logistik, Industrie |
Der Ausblick für 2026 ist vielversprechend: Mit Physical AI als dem dominierenden Technologietrend des Jahrzehnts sind Schweizer Startups in einer starken Position, um von der globalen Nachfrage nach autonome Systeme zu profitieren. Die Kombination aus akademischer Exzellenz, industrieller Nachfrage und internationalem Kapital lässt erwarten, dass die Schweiz ihren Platz als eines der führenden Robotik-Ökosysteme Europas weiter festigen wird.
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