
Hocoma in Volketswil hat den Lokomat erfunden – das weltweit meistverkaufte Gangrehabilitations-System. Wie robotergestützte Therapie in Schweizer Kliniken wie dem Balgrist und Cereneo Patienten nach Schlaganfall und Rückenmarksverletzung hilft, und was Tyromotion mit Diego und Pablo dazu beiträgt.
Die Schweiz ist nicht nur Heimat von Hocoma – dem Unternehmen, das den Lokomat erfunden hat – sondern auch eines der weltweit dichtesten Netzwerke an Kliniken, die robotergestützte Rehabilitation einsetzen. Vom Balgrist Universitätsspital in Zürich über das Cereneo in Hertenstein bis zur Klinik Valens im Kanton St. Gallen: Schweizer Reha-Einrichtungen gehören zur globalen Avantgarde, wenn es darum geht, Patienten nach Schlaganfall, Rückenmarksverletzung oder orthopädischen Eingriffen mit modernster Technologie wieder auf die Beine zu bringen.
Reha-Robotik bezeichnet den Einsatz mechatronischer Systeme, die Patienten bei therapeutischen Bewegungsübungen unterstützen, führen oder ersetzen. Im Gegensatz zur klassischen Physiotherapie, bei der ein Therapeut die Extremitäten des Patienten manuell bewegt, ermöglichen Robotersysteme eine hochpräzise, vollständig reproduzierbare und intensiv dosierbare Therapie – oft über Hunderte von Wiederholungen pro Sitzung. Die Neuroplastizität des Gehirns, also seine Fähigkeit, nach einer Verletzung neue neuronale Verbindungen zu bilden, profitiert besonders von dieser Intensität: Je mehr physiologisch korrekte Bewegungswiederholungen, desto stärker der Reiz zur Reorganisation motorischer Hirnareale.
Der globale Markt für Reha-Robotik wurde 2024 auf rund 2,1 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2030 auf über 4,5 Milliarden US-Dollar wachsen – eine jährliche Wachstumsrate von etwa 13,5 Prozent. Treiber sind die alternde Bevölkerung, steigende Schlaganfall-Inzidenz und der zunehmende Fachkräftemangel in der Pflege und Physiotherapie.
Hocoma AG wurde 1996 als Spin-off des Balgrist Universitätsspitals und der ETH Zürich gegründet und hat seinen Sitz in Volketswil im Kanton Zürich. Das Unternehmen ist heute Teil der DIH (Dinsmore Industrial Holdings) Unternehmensgruppe und beschäftigt rund 200 Mitarbeitende. Hocoma gilt als Pionier der robotergestützten Rehabilitation und hat mit dem Lokomat das weltweit meistverkaufte Gangrehabilitations-System entwickelt.
Die Produktpalette von Hocoma umfasst Lösungen für alle Phasen der Rehabilitation:
| Produkt | Einsatzgebiet | Therapiephase | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Erigo | Frühmobilisation, Bettlägerige | Akut / Frühreha | Vertikalisierung + zyklische Beinbewegung, FES-Option |
| LokomatPro | Gangrehabilitation | Mittel / Spät | Exoskelett + Laufband, FreeD-Modul für 3D-Bewegung |
| LokomatNanos | Gangrehabilitation Kinder | Pädiatrisch | Angepasste Orthesen für Kinder ab 4 Jahren |
| Andago | Bodengestütztes Gehen | Spät / Ambulant | Mobiles Gangtraining ohne Laufband |
| Armeo Spring | Arm-/Handrehabilitation | Alle Phasen | Gewichtsentlastung + 3D-Bewegungsraum |
| Armeo Power | Arm-/Handrehabilitation | Früh / Mittel | Aktive Unterstützung für schwer betroffene Arme |
| Valedo | Rückenrehabilitation | Ambulant | Sensorbasiertes Bewegungsfeedback, spielerisch |
Das Herzstück von Hocomas Produktlinie ist der LokomatPro. Das System besteht aus einer robotischen Gangorthese, die die Beine des Patienten in einer exakten, physiologisch korrekten Gangbewegung führt, einem Körpergewichtsentlastungssystem (Body Weight Support) sowie einem Laufband. Sensoren in den Gelenken messen kontinuierlich die Kräfte, die der Patient selbst aufbringt, und passen die Unterstützung des Roboters dynamisch an – das sogenannte «Assist-as-Needed»-Prinzip. Dieses Konzept ist entscheidend: Zu viel Unterstützung macht den Patienten passiv, zu wenig überfordert ihn. Der Lokomat findet automatisch die optimale Balance.
Das optionale FreeD-Modul erlaubt zusätzlich eine laterale Beckenbewegung und Rotation – also eine dreidimensionale Gangbewegung, wie sie im natürlichen Gehen vorkommt. Studien zeigen, dass diese physiologischere Bewegungsführung zu besseren funktionellen Outcomes führt als eine rein sagittale (zweidimensionale) Führung. Weltweit sind über 1'500 Lokomat-Systeme in mehr als 651 Einrichtungen im Einsatz, darunter führende Schweizer Kliniken wie das Balgrist, die Klinik Valens, Cereneo und das Kantonsspital St. Gallen.
Tyromotion GmbH wurde 2009 in Graz, Österreich, gegründet und hat sich auf die robotergestützte Rehabilitation der oberen Extremitäten sowie auf Balance- und Gangtraining spezialisiert. Das Unternehmen ist in der Schweiz über Vertriebspartner präsent und wird in mehreren Schweizer Reha-Kliniken eingesetzt. Die Produktphilosophie von Tyromotion unterscheidet sich von Hocoma: Während Hocoma auf hochspezialisierte Exoskelette setzt, verfolgt Tyromotion einen modularen Ansatz mit mehreren ergänzenden Geräten.
Die wichtigsten Tyromotion-Produkte im Überblick:
| Produkt | Einsatzgebiet | Technologie | Indikationen |
|---|---|---|---|
| Diego | Arm-/Schulterrehabilitation | Robotischer Seilzug, bilateral | Schlaganfall, MS, Rückenmarksverletzung |
| Pablo | Funktionelle Rehabilitation | Sensorbasiertes Multifunktionsgerät | Arm, Hand, Rumpf, Gleichgewicht |
| Tymo | Balance / Posturale Kontrolle | Drucksensitive Plattform | Sturzprophylaxe, Parkinson, Orthopädie |
| Amadeo | Finger-/Handrehabilitation | Robotische Fingerorthese | Schlaganfall, Handverletzungen, SCI |
| Lexo | Gang- und Lokomotion | Robotischer Gangtrainer | Schlaganfall, Parkinson, Orthopädie |
| Omego Plus | Gangtraining | Uni-/bilaterales Therapiebike | Alle Reha-Phasen, Ausdauer |
Besonders hervorzuheben ist das Diego-System: Als robotisches Seilzugsystem ermöglicht es sowohl unilaterales als auch bilaterales Training der Arme und Schultern. Die Gewichtsentlastung durch den Seilzug erlaubt es auch schwer betroffenen Patienten, aktive Armbewegungen durchzuführen, die ohne Unterstützung nicht möglich wären. Das System ist mit der Maya-Therapieplattform vernetzt, die Therapiedokumentation, Fortschrittsberichte und Therapieplanung digitalisiert – ein wichtiger Faktor für die Qualitätssicherung in Schweizer Kliniken.
Die Schweiz verfügt über eine aussergewöhnlich hohe Dichte an Reha-Kliniken, die robotergestützte Therapiesysteme einsetzen. Das Balgrist Universitätsspital in Zürich ist dabei von besonderer Bedeutung: Hier wurde der Lokomat ursprünglich entwickelt, und das Haus betreibt heute eines der grössten Forschungsprogramme zur robotergestützten Rehabilitation weltweit. Das FLOAT-System (Floating Assistive Rehabilitation Technology), ebenfalls am Balgrist entwickelt, ermöglicht vollständig dreidimensionale Gangrehabilitation ohne Laufband.
Das Cereneo in Hertenstein am Vierwaldstättersee ist eine auf Neurorehabilitation spezialisierte Privatklinik, die konsequent auf digitale und robotergestützte Therapiemethoden setzt. Cereneo kombiniert Lokomat-Therapie mit KI-gestützter Therapieplanung und Tele-Rehabilitation und hat sich als internationales Referenzzentrum für Schlaganfall-Rehabilitation etabliert. Die Klinik Valens im Kanton St. Gallen ist eine der grössten Reha-Kliniken der Schweiz und verfügt über eine breite Palette an Robotik-Systemen, darunter Lokomat, Armeo und verschiedene Tyromotion-Geräte.
Ein entscheidender Faktor für die Verbreitung von Reha-Robotik in der Schweiz ist die Frage der Kostenübernahme. Die Situation ist komplex: Grundsätzlich übernehmen die obligatorische Krankenpflegeversicherung (KVG) und die Invalidenversicherung (IV) die Kosten für stationäre Rehabilitation, wenn diese medizinisch indiziert ist. Die robotergestützte Therapie ist dabei in der Regel als Teil des Gesamtbehandlungspakets abgedeckt – eine separate Tarifposition für «Lokomat-Therapie» existiert im TARMED-System nicht.
Dies bedeutet, dass Kliniken die Investitionskosten für Reha-Robotik-Systeme – ein LokomatPro kostet je nach Konfiguration zwischen CHF 300'000 und CHF 500'000 – über die allgemeinen Tagespauschalen finanzieren müssen. Für ambulante Reha-Einrichtungen ist die Situation schwieriger: Hier werden robotergestützte Therapien oft nur teilweise oder gar nicht von der Grundversicherung übernommen, was den Zugang für Patienten mit niedrigerem Einkommen einschränkt. Die Zusatzversicherungen (VVG) übernehmen in vielen Fällen einen höheren Anteil, was erklärt, warum Schweizer Privatkliniken wie Cereneo besonders stark in diese Technologien investieren.
Die wissenschaftliche Evidenz für robotergestützte Rehabilitation ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Für den Lokomat liegen über 300 klinische Studien vor. Eine 2025 im Journal of NeuroEngineering and Rehabilitation publizierte Metaanalyse mit 42 randomisierten kontrollierten Studien und über 1'800 Patienten zeigte, dass Lokomat-Therapie bei Schlaganfall-Patienten zu signifikant besseren Ganggeschwindigkeiten und Gehstrecken führt als konventionelle Physiotherapie allein – besonders in der Subakutphase (2–6 Wochen nach dem Ereignis).
Für die Arm-Rehabilitation zeigen Studien mit dem Armeo-System und dem Tyromotion Diego vergleichbare Vorteile: höhere Therapieintensität (mehr Wiederholungen pro Sitzung), bessere Motivation durch spielerische Elemente (Serious Gaming) und objektivere Messung des Therapiefortschritts. Besonders interessant ist die Kombination von Robotik mit funktioneller Elektrostimulation (FES): Wenn der Lokomat gleichzeitig die Muskeln des Patienten elektrisch stimuliert, während er die Bewegung führt, verstärkt sich der neuroplastische Effekt nachweislich.
Die nächste Generation der Reha-Robotik wird von Künstlicher Intelligenz geprägt sein. Hocoma arbeitet bereits an KI-Systemen, die den Therapiefortschritt in Echtzeit analysieren und die Trainingsparameter automatisch anpassen – ohne manuelle Einstellung durch den Therapeuten. Tyromotion hat mit der Maya-Plattform bereits einen Schritt in Richtung datengetriebene Therapieplanung gemacht.
Tele-Rehabilitation ist ein weiterer Wachstumsbereich: Leichtere Exoskelette und sensorbasierte Systeme wie der Tyromotion Tymo ermöglichen es, Teile der Reha-Therapie zu Hause durchzuführen und die Daten digital an den Therapeuten zu übermitteln. Für die Schweiz, mit ihrer geografisch verteilten Bevölkerung und dem Fachkräftemangel in der Physiotherapie (rund 2'000 offene Stellen laut PHYSIOSWISS 2024), ist dieses Modell besonders attraktiv.
Schweizer Unternehmen wie Hocoma und Forschungsgruppen an ETH Zürich und EPFL arbeiten zudem an weichen Exoskeletten (Soft Exosuits), die leichter, günstiger und alltagstauglicher sind als die heutigen Systeme. Das Ziel: Reha-Robotik nicht nur in spezialisierten Kliniken, sondern auch in der ambulanten Physiotherapiepraxis und letztlich im häuslichen Umfeld zu etablieren – und damit den Zugang für alle Patienten zu verbessern, unabhängig von Wohnort und Versicherungsstatus.
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