
Ecorobotix aus Yverdon reduziert Pestizideinsatz um 95%, Naïo Technologies automatisiert Weinberge und Gemüsefelder – autonome Agrarroboter verändern die Schweizer Landwirtschaft. Wir zeigen, welche Technologien verfügbar sind, wie das BLW fördert und welche Herausforderungen bleiben.
Die Schweizer Landwirtschaft steht vor einem Strukturwandel: 2024 zählte das Bundesamt für Statistik noch 47'075 Landwirtschaftsbetriebe – ein Rückgang von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Betriebe werden grösser, die Arbeitskräfte knapper, und der Druck, Pestizide zu reduzieren und gleichzeitig die Produktivität zu steigern, wächst. In diesem Spannungsfeld gewinnen autonome Agrarroboter an Bedeutung. Zwei Unternehmen stehen dabei im Mittelpunkt: das Schweizer Startup Ecorobotix aus Yverdon-les-Bains und der französische Pionier Naïo Technologies.
Die Schweizer Landwirtschaft kämpft mit denselben Herausforderungen wie andere Branchen: Fachkräftemangel, steigende Lohnkosten und ein demografischer Wandel, der die Zahl der verfügbaren Saisonarbeiter reduziert. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Die Agrarpolitik AP22+ des Bundes setzt ambitionierte Ziele bei der Reduktion von Pflanzenschutzmitteln und Nährstoffverlusten. Direktzahlungen sind an Ökologische Leistungsnachweise (ÖLN) geknüpft, die einen ressourcenschonenden Anbau voraussetzen.
Autonome Roboter bieten in diesem Kontext eine doppelte Lösung: Sie ersetzen manuelle Arbeit in arbeitsintensiven Bereichen wie Unkrautbekämpfung, Ernte und Pflanzenpflege – und sie ermöglichen eine Präzisionslandwirtschaft, die den Einsatz von Betriebsmitteln drastisch reduziert. Der weltweite Markt für Agrarroboter, 2025 auf 8,13 Milliarden US-Dollar geschätzt, soll bis 2035 auf 123,4 Milliarden US-Dollar wachsen.
Ecorobotix wurde 2013 in Lausanne gegründet und hat seinen Sitz heute in Yverdon-les-Bains im Kanton Waadt. Das Unternehmen entwickelt den ARA Ultra-High Precision Sprayer – einen autonomen Unkrautbekämpfungsroboter, der KI-gesteuerte Präzisionssprühtechnologie einsetzt, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln um bis zu 95 Prozent zu reduzieren.
Die Funktionsweise: Der ARA fährt autonom über das Feld und erkennt per Kamera und KI-Algorithmen einzelne Unkrautpflanzen in Echtzeit. Statt das gesamte Feld zu besprühen, appliziert er das Herbizid punktgenau auf jede einzelne Unkrautpflanze – mit einer Präzision von 6x6 Zentimetern. Das System arbeitet Tag und Nacht mit einer Geschwindigkeit von 7,2 km/h und ist damit für grosse Flächen geeignet. Der ROI wird auf 2 bis 4 Jahre geschätzt, abhängig von Flächengrösse, Unkrautdruck und Herbizidpreisen.
Im März 2026 erreichte Ecorobotix einen wichtigen Meilenstein: 1'000 weltweit verkaufte ARA-Systeme. Im April 2026 investierte das Unternehmen 50 Millionen US-Dollar in die US-Expansion, um die Schweizer Präzisionsspritztechnologie amerikanischen Landwirten anzubieten. Ecorobotix ist damit eines der erfolgreichsten Schweizer AgTech-Startups und ein Beweis dafür, dass Präzisionslandwirtschaft aus der Schweiz heraus global skaliert werden kann.
Naïo Technologies wurde 2011 in Toulouse (Frankreich) gegründet und hat sich als führender europäischer Anbieter von Feldrobotern für Gemüseanbau und Spezialkulturen etabliert. Das Unternehmen bietet eine breite Produktfamilie an:
Der Oz ist ein kompakter Roboter für Gemüseanbau und Spezialkulturen. Er erledigt Aussaat, Reihenmarkierung, Bodenbearbeitung und mechanische Unkrautbekämpfung mit einer Autonomie von bis zu 8 Stunden, GNSS RTK-Navigation für zentimetergenaue Positionierung und einer Hubkapazität von 60 kg. Der Ted ist speziell für Weinberge konzipiert: Er übernimmt die Zwischenreihenpflege, Unterstock-Unkrautbekämpfung und das Laubmanagement, hebt bis zu 600 kg und schafft bis zu 6,5 Hektar pro Tag. Der Orio (Nachfolger des Dino) ist ein vielseitiger Geräteträger für Gemüseanbau und Baumschulen, der Bodenbearbeitung, Aussaat und Unkrautbekämpfung mit RTK-Autoguiding und kameragesteuerten Werkzeugen kombiniert.
Naïo Technologies befand sich im Juni 2025 in finanziellen Schwierigkeiten und suchte einen Käufer – ein Zeichen dafür, dass selbst Pioniere im AgTech-Bereich mit den hohen Entwicklungskosten und dem langsamen Markthochlauf kämpfen. Die Produkte sind technisch ausgereift und werden von Landwirten in der Schweiz, Frankreich und Deutschland eingesetzt, aber der Weg zur Profitabilität bleibt lang.
Neben Ecorobotix und Naïo gibt es weitere relevante Akteure auf dem Schweizer Agrarroboter-Markt. Die Raptrac AG aus der Schweiz entwickelt elektrische Geräteträger für nachhaltige Landwirtschaft – eine Alternative zu Diesel-Traktoren für kleinere Betriebe. Altatek bietet mit dem amea-Mähroboter eine Lösung für die arbeitsintensive Wiesenpflege. International sind Fendt Xaver (ein Schwarm kleiner autonomer Feldroboter von AGCO) und AgXeed aus den Niederlanden (grosse autonome Geräteträger für Ackerbau) relevant.
In der Berglandwirtschaft – einem Schweizer Spezifikum – stossen die meisten Agrarroboter an ihre Grenzen. Steile Hänge, kleine Parzellen und schwieriges Gelände erfordern spezialisierte Lösungen. Hier forschen die Agroscope (Schweizer Kompetenzzentrum für Landwirtschaft) und die HAFL (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften) an angepassten Systemen. Die ETH Zürich hat mit dem Rowesys-Roboter für Reihenkulturen erste vielversprechende Ergebnisse erzielt.
Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) fördert den Einsatz von Robotik und Präzisionslandwirtschaft über verschiedene Programme. Nichtbauliche Strukturverbesserungen können mit Bundesbeiträgen unterstützt werden, wenn sie zur Effizienzsteigerung oder Ressourcenschonung beitragen. Innovative Projekte im Bereich Digitalisierung und Automatisierung können über das Programm Ressourcenprojekte kofinanziert werden.
Die Direktzahlungsverordnung (DZV) schafft indirekte Anreize für Robotik: Betriebe, die Ökologische Leistungsnachweise erbringen und Biodiversitätsförderflächen ausweisen, erhalten höhere Direktzahlungen. Agrarroboter, die den Pestizideinsatz reduzieren und mechanische Unkrautbekämpfung ermöglichen, helfen Betrieben, diese Anforderungen zu erfüllen.
Regulatorisch sind autonome Agrarroboter in der Schweiz bisher wenig spezifisch geregelt. Sie fallen unter das allgemeine Maschinenrecht und müssen CE-konform sein. Für den Betrieb auf öffentlichen Strassen gelten die Strassenverkehrsvorschriften, was die Mobilität der Geräte einschränkt. Eine spezifische Regulierung für autonome Landmaschinen – ähnlich wie für autonome Fahrzeuge – wird in der EU und der Schweiz derzeit diskutiert.
Trotz des technologischen Fortschritts ist die Verbreitung von Agrarrobotern in der Schweiz noch begrenzt. Die Gründe sind vielfältig: Die Anschaffungskosten sind hoch – ein Ecorobotix ARA kostet je nach Ausstattung zwischen 80'000 und 120'000 Franken, ein Naïo Ted ähnlich viel. Für einen durchschnittlichen Schweizer Landwirtschaftsbetrieb mit 20 bis 30 Hektar ist das eine erhebliche Investition.
Dazu kommt die Komplexität der Schweizer Landschaft: Kleine Parzellen, Hanglagen, wechselnde Kulturen und kurze Vegetationsperioden erschweren den wirtschaftlichen Einsatz von Robotern, die für grosse, homogene Flächen optimiert sind. Die Konnektivität – GPS-Signal, Mobilfunk – ist in abgelegenen Berggebieten oft unzuverlässig.
Schliesslich ist das Vertrauen in neue Technologien ein Faktor: Viele Landwirte sind skeptisch gegenüber autonomen Systemen, die ohne direkte Aufsicht arbeiten. Pilotprojekte und Demonstrationsanlagen – wie jene von Agroscope und kantonalen Landwirtschaftsschulen – sind wichtig, um Vertrauen aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln.
Trotz der Herausforderungen ist die Richtung klar: Autonome Agrarroboter werden in den nächsten zehn Jahren zu einem festen Bestandteil der Schweizer Landwirtschaft werden. Die Technologie reift, die Preise sinken, und der Druck zur Pestizidreduktion und Effizienzsteigerung nimmt zu. Ein vollständig automatisierter Milchbetrieb im Greyerzerland, der 2025 eröffnet wurde und zu den grössten der Schweiz gehört, zeigt, wohin die Reise geht.
Für Schweizer Landwirte empfiehlt sich ein pragmatischer Einstieg: Pilotprojekte mit klar definierten Anwendungsfällen (z.B. Unkrautbekämpfung in einer spezifischen Kultur), Nutzung von Förderprogrammen und enger Austausch mit Forschungsinstitutionen. Die Roboter werden die Landwirtschaft nicht über Nacht revolutionieren – aber sie werden sie Schritt für Schritt nachhaltiger, effizienter und weniger abhängig von knapper werdenden Arbeitskräften machen.
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