
Unitree Robotics aus Hangzhou bringt mit dem G1 (ab 16'000 USD) und dem H1 (unter 90'000 USD) die günstigsten humanoiden Roboter auf den Markt – und plant einen 610-Millionen-Dollar-Börsengang in Shanghai. Was steckt hinter dem chinesischen Robotik-Wunder?
Während westliche Hersteller wie Boston Dynamics, Figure AI und Tesla Optimus mit Preisen von 90'000 bis 150'000 USD und mehr den Markt dominieren, kommt die eigentliche Disruption aus China: Unitree Robotics aus Hangzhou hat mit dem G1 und dem H1 zwei humanoide Roboter entwickelt, die das Preis-Leistungs-Verhältnis der Branche fundamental verschieben. Der G1 startet bei gerade einmal 16'000 USD – ein Bruchteil der Konkurrenz.
Unitree Robotics wurde 2016 von Wang Xingxing in Hangzhou, China, gegründet. Das Unternehmen machte sich zunächst einen Namen mit erschwinglichen Quadruped-Robotern (vierbeinige Roboter), die zu einem Bruchteil des Preises von Boston Dynamics Spot angeboten wurden. Diese Strategie – maximale Leistung zu minimalen Kosten – hat Unitree nun konsequent auf humanoide Roboter übertragen.
2025 war ein Rekordjahr: Unitree verkaufte 5'500 humanoide Roboter und erzielte einen Umsatz von 1,708 Milliarden Yuan (rund 235 Millionen USD) – ein Wachstum von 335% gegenüber dem Vorjahr. Damit ist Unitree nach eigenen Angaben der weltweit grösste Hersteller humanoider Roboter nach Stückzahl. Zum Vergleich: Tesla Optimus verkaufte 2025 keine einzige Einheit an externe Kunden.
Am 20. März 2026 reichte Unitree beim Shanghai Stock Exchange einen IPO-Antrag für den STAR Market ein – mit einem angestrebten Emissionsvolumen von 610 Millionen USD. Der Börsengang würde Unitree zu Chinas erstem börsennotierten Humanoid-Robotik-Unternehmen machen und ist ein klares Signal: Die chinesische Robotik-Industrie ist bereit für die globale Bühne.
Der Unitree G1 ist das Einstiegsmodell und gleichzeitig das meistdiskutierte Produkt in der Robotik-Community. Mit einem Startpreis von 16'000 USD (Basismodell) ist er der einzige humanoide Roboter, den Universitäten, Forschungslabore und mittelständische Unternehmen ohne Millionenbudget kaufen können. Im April 2026 begann Unitree sogar mit dem Verkauf über Alibabas Plattform – ein weiterer Schritt zur Demokratisierung der Robotik.
Technisch ist der G1 beeindruckend kompakt: Er steht 1'320 mm gross, wiegt nur 35 kg und lässt sich auf 690 mm zusammenfalten – ideal für Transport und Lagerung. Das Basismodell verfügt über 23 Freiheitsgrade, die EDU-Version mit NVIDIA Jetson Orin auf bis zu 43 Freiheitsgrade. Die Fortbewegung basiert auf Reinforcement-Learning-Algorithmen, die in der NVIDIA Isaac Gym-Simulation trainiert und dann auf die Hardware übertragen wurden. Der G1 kann mit bis zu 2 m/s gehen und bewältigt zuverlässig Treppen in Innenräumen.
Besonders interessant für Forschungsanwendungen: Die EDU-Version unterstützt vollständigen SDK-Zugang, ROS2-Kompatibilität, neuronale Netzwerke und Reinforcement-Learning-Frameworks. Optional sind die Dex3-1 Drei-Finger-Hände mit je 7 Freiheitsgraden erhältlich – sie ermöglichen präzises Greifen und Manipulieren von Objekten mit Kraftkontrolle. Die Akkulaufzeit beträgt rund 2 Stunden, mit Schnellwechsel in unter 30 Sekunden.
Der Unitree H1 ist das Flaggschiff – ein vollgrosser humanoider Roboter, der bei seiner Vorstellung einen Weltrekord aufstellte: 3,3 m/s Laufgeschwindigkeit für bipede Humanoide. Mit 1'800 mm Körpergrösse und 47 kg Gewicht entspricht er den Abmessungen eines durchschnittlichen Menschen und ist damit für reale Arbeitsumgebungen konzipiert.
Der H1 verfügt über 26 Freiheitsgrade (Basismodell) und ein maximales Kniemoment von 360 N·m – eines der höchsten in der Branche für elektrisch aktuierte Humanoide. Die Nutzlast beträgt schätzungsweise 10–15 kg. Der Akku mit 864 Wh ermöglicht 1,5–2 Stunden Betrieb und ist schnell austauschbar. Als Sensoren kommen ein Intel RealSense D435i Tiefensensor und ein 3D-LiDAR zum Einsatz.
Der Preis liegt unter 90'000 USD für das Basismodell. Die aufgerüstete Variante H1-2 mit 7 Freiheitsgraden pro Arm (statt 4), verbesserter Manipulationsfähigkeit und 70 kg Gewicht kostet schätzungsweise 150'000 USD. Beide Versionen sind primär für Forschungslabore, Universitäten und Robotik-Entwicklungsteams konzipiert, die an bipeder Fortbewegung, Reinforcement Learning und verkörperter KI forschen.
| Merkmal | Unitree G1 | Unitree H1 | Unitree H1-2 |
|---|---|---|---|
| Grösse | 1'320 mm (faltbar: 690 mm) | 1'800 mm | 1'780 mm |
| Gewicht | 35 kg | 47 kg | 70 kg |
| Freiheitsgrade (gesamt) | 23 (EDU: 43) | 26 | 27 |
| Arm-DOF (je) | 5 (EDU: 7 mit Dex3-1) | 4 (erweiterbar) | 7 |
| Max. Kniemoment | k.A. | 360 N·m | 360 N·m |
| Laufgeschwindigkeit | 2 m/s | 3,3 m/s (Weltrekord) | k.A. |
| Nutzlast | ~5 kg | 10–15 kg | ~30 kg |
| Akku | 9'000 mAh (Schnellwechsel) | 864 Wh (Schnellwechsel) | 864 Wh |
| Akkulaufzeit | ~2 Stunden | 1,5–2 Stunden | 1,5–2 Stunden |
| KI-Prozessor | NVIDIA Jetson Orin (EDU) | Onboard-CPU + GPU | Onboard-CPU + GPU |
| Preis | ab 16'000 USD | unter 90'000 USD | ~150'000 USD |
| Zielgruppe | Forschung, Bildung, Demos | Forschung, Entwicklung | Forschung, Industrie |
Der Erfolg von Unitree ist kein Zufall – er ist das Ergebnis einer bewussten staatlichen und unternehmerischen Strategie. China hat die Humanoid-Robotik als strategische Schlüsseltechnologie identifiziert. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) hat Ziele ausgegeben, bis 2027 eine führende globale Position in der Humanoid-Robotik einzunehmen.
Laut TrendForce wird Chinas Produktion humanoider Roboter 2026 um 94% steigen. Unitree und AgiBot werden dabei zusammen fast 80% des chinesischen Marktanteils kontrollieren. Diese Dominanz basiert auf drei Faktoren: erstens einer hochintegrierten Lieferkette (Motoren, Sensoren, Chips werden überwiegend in China produziert), zweitens staatlicher Förderung von Forschung und Produktion, und drittens einer aggressiven Preisstrategie, die westliche Wettbewerber unter Druck setzt.
Morgan Stanley prognostiziert, dass der globale Markt für humanoide Roboter bis 2050 ein Volumen von 9 Billionen USD erreichen könnte – mit China als führendem Produzenten. Für Schweizer und europäische Unternehmen bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann chinesische Humanoide in heimischen Betrieben eingesetzt werden.
Unitree-Roboter sind bereits in der Schweiz erhältlich. Der Schweizer Distributor RBTX.ch (Betreiber: igus GmbH) führt den Unitree G1 im Sortiment – ein klares Zeichen, dass die Nachfrage aus Forschungseinrichtungen und Unternehmen vorhanden ist. Lieferzeiten von 4–8 Wochen ab Bestellung sind realistisch. Für den H1 und H1-2 ist eine direkte Anfrage bei Unitree oder autorisierten Distributoren notwendig.
Für Schweizer Hochschulen wie die ETH Zürich, EPFL oder die ZHAW bietet der G1 EDU eine einzigartige Möglichkeit: Für rund 20'000–30'000 CHF (inklusive Zoll, Versand und Zubehör) erhalten Forschungsteams einen vollständig programmierbaren humanoiden Roboter mit NVIDIA Jetson Orin, ROS2-Support und SDK-Zugang. Das ist ein Bruchteil der Kosten früherer Forschungsplattformen.
Trotz aller Begeisterung gibt es wichtige Einschränkungen zu beachten. Der G1 ist kein zertifizierter kollaborativer Roboter (Cobot) – er verfügt nicht über die Sicherheitszertifizierungen (ISO 10218, TS 15066), die für den Einsatz in der Nähe von Menschen in industriellen Umgebungen erforderlich sind. Für Produktionslinien oder den direkten Kundenkontakt ist er daher nicht geeignet.
Der H1 eignet sich hervorragend für Forschung und Entwicklung, stösst aber bei Manipulationsaufgaben an Grenzen: Mit nur 4 Freiheitsgraden pro Arm im Basismodell sind komplexe Greifaufgaben eingeschränkt. Erst der H1-2 mit 7 DOF pro Arm adressiert dieses Problem – zu einem entsprechend höheren Preis.
Hinzu kommen geopolitische Überlegungen: Einige europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen haben interne Richtlinien bezüglich chinesischer Technologie in sensiblen Bereichen. Für rein akademische Forschung und nicht-kritische Anwendungen sind diese Bedenken in der Regel weniger relevant.
Unitree Robotics hat bewiesen, dass humanoide Robotik nicht zwingend ein Millionenbudget erfordert. Mit dem G1 und H1 bietet das Unternehmen Plattformen, die Forschung, Bildung und erste kommerzielle Anwendungen erschwinglich machen. Der geplante Börsengang in Shanghai wird Unitree zusätzliche Mittel für Forschung und globale Expansion verschaffen.
Für Schweizer Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist die Botschaft klar: Die chinesische Robotik-Konkurrenz ist nicht mehr eine abstrakte Zukunftsvision – sie ist heute verfügbar, erschwinglich und technisch beeindruckend. Wer die Robotik-Transformation aktiv mitgestalten möchte, sollte Unitree G1 und H1 ernsthaft evaluieren.
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