
Rossmann startet in Burgwedel ein einjähriges Pilotprojekt mit dem UBTECH Walker S2 – dem ersten grossangelegten Einsatz eines humanoiden Roboters in der europäischen Einzelhandelslogistik. Was steckt hinter dem Walker S2, wer ist Terra Robotics, und was bedeutet das für die Zukunft der Lagerarbeit?
Am 26. März 2026 rollte ein 1,76 Meter grosser, silberfarbener Roboter durch die Tore des Rossmann-Logistikzentrums in Burgwedel bei Hannover. Sein Name: Walker S2. Sein Hersteller: UBTECH Robotics aus Shenzhen. Sein Auftrag: Beweisen, dass humanoide Roboter in der realen Einzelhandelslogistik funktionieren – nicht nur in Labors oder auf Messen, sondern im täglichen Betrieb, Schicht für Schicht.
Damit startete Rossmann eines der bedeutendsten Robotik-Pilotprojekte, das Europa bislang gesehen hat: den ersten grossangelegten Einsatz eines humanoiden Roboters in der Logistik eines europäischen Einzelhändlers. Und es ist mehr als ein technisches Experiment – es ist ein Zeichen, dass die Ära der humanoiden Industrieroboter auch in Europa begonnen hat.
UBTECH Robotics wurde 2012 in Shenzhen gegründet und hat sich in den vergangenen Jahren vom Hersteller von Bildungsrobotern zum ernstzunehmenden Anbieter industrieller Humanoide entwickelt. Der Walker S2 ist das Flaggschiff dieser Transformation: ein vollständig industriell ausgelegter Roboter, der speziell für Lager-, Fertigungs- und Logistikumgebungen konzipiert wurde.
Die technischen Daten sprechen für sich: Mit 52 Freiheitsgraden – davon 22 allein in den Händen – übertrifft der Walker S2 die Beweglichkeit vieler Konkurrenten. Er ist 1,76 Meter gross, wiegt rund 70 Kilogramm und kann Lasten von bis zu 15 Kilogramm tragen. Sein Kopf beherbergt ein fortschrittliches Vision-Language-Action-System (VLA), das es ihm ermöglicht, Anweisungen zu verarbeiten, seine Umgebung zu analysieren und entsprechend zu handeln – alles in einem geschlossenen Regelkreis.
Das technisch vielleicht wichtigste Merkmal für den industriellen Einsatz ist jedoch das autonome Batteriewechselsystem: Der Walker S2 kann seine Energiequelle selbstständig austauschen, ohne menschliche Hilfe. Das ermöglicht einen theoretisch unterbrechungsfreien 24/7-Betrieb – eine Grundvoraussetzung für den Einsatz in einem Logistikzentrum, das rund um die Uhr läuft.
Rossmann ist mit über 4'600 Filialen in Deutschland und mehr als 9'000 Standorten europaweit einer der grössten Drogeriemarktketten des Kontinents. Das Logistikzentrum in Burgwedel ist das Herzstück der deutschen Versorgungskette. Dass Rossmann genau hier das Pilotprojekt startet, ist kein Zufall.
Hendrik van Duuren, Leiter Logistik bei Rossmann, formuliert das Ziel klar: «Wir wollen frühzeitig, auf Basis eigener Erfahrungen, herausfinden, was im Alltag tatsächlich funktioniert und wo die Grenzen liegen.» Diese nüchterne Herangehensweise unterscheidet das Rossmann-Projekt von vielen anderen Robotik-Ankündigungen, die oft mehr Marketing als Substanz sind.
Das Pilotprojekt läuft das gesamte Jahr 2026 und folgt einem strukturierten Fahrplan. In der ersten Phase werden spezifische Einsatzszenarien definiert und die notwendige IT-Infrastruktur aufgebaut. Der Walker S2 soll dabei repetitive und ergonomisch belastende Aufgaben übernehmen – Tätigkeiten, die menschliche Mitarbeiter körperlich belasten und zu Ausfällen führen können. Rossmann beobachtet dabei nicht nur die technische Leistung, sondern auch die soziale Dimension: Wie erleben die menschlichen Mitarbeitenden die Zusammenarbeit mit einem humanoiden Kollegen?
Zwischen UBTECH und Rossmann steht ein entscheidender Partner: Terra Robotics, ein europäischer Robotik-Integrator, der am 17. April 2026 offiziell zum exklusiven Distributor und strategischen Partner von UBTECH für den deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz und Österreich) ernannt wurde.
Terra Robotics hat bereits eine erste Charge von mehreren Dutzend Walker S2-Robotern erworben und ist für deren Integration in industrielle Umgebungen verantwortlich. Das Unternehmen übernimmt nicht nur den Vertrieb, sondern auch die Systemintegration, Schulung und den laufenden Support – ein Modell, das UBTECH als «szenariobasierte Lösungen» bezeichnet und das den Übergang vom reinen «Produktexport» markiert.
Für die Schweiz und Österreich ist diese Partnerschaft besonders relevant: Terra Robotics ist der direkte Ansprechpartner für Unternehmen, die den Walker S2 in ihren Betrieben einsetzen möchten. Der Listenpreis des Walker S2 liegt bei rund 90'000 US-Dollar – ein Betrag, der für grosse Logistikzentren angesichts der potenziellen Effizienzgewinne wirtschaftlich attraktiv sein kann.
Der Rossmann-Deal kommt zu einem historischen Zeitpunkt für UBTECH. Das Unternehmen veröffentlichte im März 2026 seine Jahresergebnisse für 2025 – und die Zahlen sind bemerkenswert. Der Umsatz aus vollgrossen humanoiden Robotern stieg um 2'203 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt wurden 1'079 Einheiten ausgeliefert, was einem Anstieg von 35'867 Prozent entspricht. Der Gesamtumsatz erreichte rund 2 Milliarden Renminbi (ca. 270 Millionen Franken), bei einer Bruttomarge von 37,7 Prozent.
UBTECH spricht intern vom «Humanoid Flip»: dem Moment, in dem humanoide Roboter zur primären Einnahmequelle des Unternehmens wurden und 41,1 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachten. Für 2026 plant UBTECH eine Verzehnfachung der Produktionskapazität auf 5'000 Einheiten – ein ambitioniertes Ziel, das die Rossmann-Partnerschaft als wichtigen Baustein für den europäischen Markt einschliesst.
Das Rossmann-Pilotprojekt ist nicht isoliert zu betrachten. UBTECH hat bereits Roboter bei chinesischen Automobilherstellern wie BYD, Foxconn und Geely im Einsatz, kooperiert mit Texas Instruments im Halbleiterbereich und hat eine strategische Partnerschaft mit Honda Trading (China) für die Automobilfertigung geschlossen. Der Schritt nach Europa mit Rossmann markiert eine neue Phase: den Übergang von asiatischen Pilotprojekten zu einem globalen Rollout.
Für Schweizer Unternehmen – insbesondere in der Logistik, Pharmaproduktion und im Detailhandel – stellt sich die Frage, wann und wie humanoide Roboter in den eigenen Betrieben Einzug halten werden. Die Antwort von Terra Robotics als DACH-Partner lautet: früher als erwartet. Der Exklusivvertrag mit UBTECH ist ein klares Signal, dass der deutschsprachige Markt als prioritäres Ziel gilt.
Schweizer Logistikunternehmen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen möchten, sollten dabei die spezifischen regulatorischen Rahmenbedingungen im Blick behalten. Die Schweiz hat mit der Revision des Arbeitsgesetzes und den SUVA-Richtlinien für Mensch-Roboter-Kollaboration bereits einen Rechtsrahmen, der den Einsatz von Cobots und Humanoiden in Arbeitsbereichen regelt – allerdings wird dieser Rahmen durch die rasante technologische Entwicklung zunehmend herausgefordert.
Ein oft unterschätzter Aspekt humanoider Roboter ist ihre soziale Wirkung auf die Belegschaft. Rossmann hat dies explizit in den Pilotplan aufgenommen und beobachtet, wie die menschlichen Mitarbeitenden auf ihren neuen «Kollegen» reagieren. Diese Frage ist nicht trivial: Studien zeigen, dass die Akzeptanz von Robotern in der Belegschaft stark davon abhängt, wie die Einführung kommuniziert wird und ob die Mitarbeitenden in den Prozess einbezogen werden.
Der Walker S2 hat in dieser Hinsicht einen Vorteil gegenüber rein funktionalen Industrierobotern: Seine humanoide Form macht ihn für Menschen intuitiv verständlicher. Er bewegt sich wie ein Mensch, greift wie ein Mensch – und löst damit weniger Fremdheitsgefühle aus als ein Roboterarm oder ein autonomes Fahrzeug. Ob das ausreicht, um die Bedenken der Belegschaft zu zerstreuen, wird das Pilotprojekt zeigen.
Wenn das Rossmann-Pilotprojekt erfolgreich verläuft, könnte es als Blaupause für einen breiteren Rollout in der europäischen Logistik dienen. UBTECH und Terra Robotics haben bereits signalisiert, dass weitere Unternehmen in der DACH-Region an Pilotprojekten interessiert sind. Die Frage ist nicht mehr ob humanoide Roboter in die europäische Logistik kommen, sondern wann und in welchem Umfang.
Für die Robotik-Branche ist der Rossmann-Deal ein Meilenstein: Er beweist, dass humanoide Roboter nicht mehr nur in kontrollierten Fabrikumgebungen funktionieren, sondern auch in der dynamischen, variantenreichen Welt der Einzelhandelslogistik eingesetzt werden können. Und er zeigt, dass Europa – trotz höherer Lohnkosten und strengerer Regulierung – bereit ist, diese Technologie anzunehmen.
Die Roboterrevolution hat Burgwedel erreicht. Der Rest Europas schaut zu.
| Merkmal | Spezifikation |
|---|---|
| Höhe | 1,76 m |
| Gewicht | ca. 70 kg (mit Batterie) |
| Freiheitsgrade gesamt | 52 DOF |
| Freiheitsgrade Hände | 22 DOF (je Hand) |
| Traglast | bis 15 kg |
| Batteriesystem | Autonomer Wechsel (ca. 3 Min.) |
| Betriebsmodus | 24/7 kontinuierlicher Betrieb |
| KI-System | Vision-Language-Action (VLA) |
| Listenpreis | ca. 90'000 USD |
| DACH-Distributor | Terra Robotics (exklusiv) |
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