Robotik & KI

Pflegeroboter in Schweizer Altersheimen: Lio, PARO und die Realität

13'000 bis 15'000 offene Pflegestellen in der Schweiz, 130'000 Heimbewohner und ein wachsender Fachkräftemangel: Können Roboter wie Lio von F&P Robotics und der Therapieroboter PARO die Lücke schliessen? Ein nüchterner Blick auf Stand, Möglichkeiten und Grenzen der Pflegeroboter in der Schweiz.

Titelbild: Pflegeroboter in Schweizer Altersheimen: Lio, PARO und die Realität
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Wenn der Roboter die Rose überreicht

Er ruckelt und zuckelt, dann schafft es der ferngesteuerte Roboter ins Zimmer zu rollen. «Robody» begrüsst die 88-jährige Martha Keller und überreicht ihr eine Rose. Die Szene aus dem Altersheim Platten in Meilen ZH, die SRF im April 2025 ausgestrahlt hat, zeigt exemplarisch, wo die Schweiz in Sachen Pflegeroboter steht: mitten in einer Phase vorsichtiger Pilotprojekte, echter Begeisterung – und nüchterner Ernüchterung.

Die Ausgangslage ist klar: Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) fehlen der Schweiz 2026 zwischen 13'000 und 15'000 Pflegefachkräfte. 130'000 Menschen werden in 1'465 Pflegeheimen betreut, die Gesamtkosten belaufen sich auf 11,5 Milliarden Franken pro Jahr. Ein durchschnittlicher Heimaufenthalt kostet 10'600 Franken monatlich. Bis 2030 wird der Bedarf weiter steigen – der demografische Wandel macht dies unausweichlich. In diesem Kontext gewinnen Pflegeroboter an Bedeutung, auch wenn ihre Rolle noch weit von dem entfernt ist, was Hochglanzprospekte versprechen.

Lio: Schweizer Ingenieurskunst für den Pflegealltag

Das bekannteste Schweizer Produkt in diesem Bereich ist Lio, entwickelt von F&P Robotics AG mit Sitz in Glattbrugg ZH. Das Unternehmen wurde 2014 gegründet und hat sich auf persönliche Serviceroboter für Gesundheits- und Pflegeumgebungen spezialisiert. Lio ist ein autonomer mobiler Roboter (AMR) mit einem kollaborativen Arm, Sprachinteraktion und autonomer Navigation – und er benötigt keine zusätzliche Infrastruktur wie Bodenmarkierungen oder Leitdrähte.

Technisch basiert Lio auf einem 6-Achsen-Kollaborationsarm mit einer Nutzlast von 3 bis 5 kg und optischer Pseudo-Kraft-Rückkopplung für sicheres Arbeiten in der Nähe von Menschen. Das integrierte Display dient als visuelle Informationsquelle, die ChatGPT-Integration ermöglicht natürliche Sprachkommunikation. Lio navigiert mit Laserscannern, Tiefenkameras und IMU-Sensoren autonom durch komplexe Innenräume.

MerkmalSpezifikation
HerstellerF&P Robotics AG, Glattbrugg ZH
Armfreiheitsgrade6 DoF (Degrees of Freedom)
Nutzlast Arm3–5 kg
NavigationAutonom, SLAM-basiert, keine Infrastruktur nötig
KommunikationSpracherkennung, NLP, ChatGPT-Integration
DisplayIntegrierter Touchscreen
EinsatzbereicheAltersheime, Kliniken, Forschung, Bildung
Betrieb24/7, autonom oder ferngesteuert

In der Praxis übernimmt Lio Aufgaben wie das Verteilen von Getränken und Mahlzeiten, das Erinnern an Medikamente, Unterhaltung und soziale Interaktion sowie einfache Hol- und Bringdienste. In Pflegeheimen in der Deutschschweiz und im Tessin wurde Lio bereits in Pilotprojekten eingesetzt. Die Rückmeldungen der Pflegenden sind mehrheitlich positiv: Lio entlastet bei repetitiven Aufgaben und gibt dem Personal mehr Zeit für die eigentliche Beziehungsarbeit mit den Bewohnern.

PARO: Die japanische Therapierobbe, die Herzen öffnet

Während Lio ein Assistent ist, verfolgt PARO einen völlig anderen Ansatz: emotionale Therapie durch Tierkontakt. PARO wurde am National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) in Japan entwickelt und ist seit 2004 im Einsatz. Der Roboter imitiert eine Baby-Sattelrobbe mit weissem Fell, grossen Augen und einem Körper voller Sensoren.

PARO reagiert auf Berührung, Licht, Temperatur, Geräusche und die Stimme des Benutzers. Er lernt, welche Verhaltensweisen positiv aufgenommen werden, und passt sein Verhalten entsprechend an. In klinischen Studien wurde nachgewiesen, dass PARO bei Demenzpatienten Stress und Agitation reduziert, die Stimmung hebt und soziale Interaktion fördert – ähnlich wie echte Tiergestützte Therapie, jedoch ohne die Risiken (Allergien, Hygiene, Verletzungen).

In der Schweiz wird PARO in mehreren Pflegeheimen und psychiatrischen Kliniken eingesetzt. Die Ostschweizer Fachhochschule (OST) hat 2024 eine Studie durchgeführt, ob PARO bei kognitiv gesunden, aber sozial isolierten Heimbewohnern positive Effekte erzielt – die Ergebnisse zeigen vielversprechende Ansätze. Der Preis von rund 6'000 CHF pro Einheit ist für viele Institutionen erschwinglich, besonders im Vergleich zu den Kosten einer zusätzlichen Pflegekraft.

Robody: Der Schweizer Fernpräsenz-Roboter

Ein weiteres Konzept, das in der Schweiz Aufmerksamkeit erregt, ist «Robody» des Münchner Start-ups Devanthro – gegründet von ETH-Absolvent Rafael Hostettler. Robody ist kein autonomer Roboter, sondern ein Fernpräsenz-Avatar: Eine Pflegekraft oder ein Arzt steuert den Roboter mit einer VR-Brille von einem anderen Ort aus, das eigene Gesicht erscheint auf dem Display des Roboters.

Im Pilotprojekt im Altersheim Platten in Meilen ZH (April 2025) zeigte sich: Kommunikation, Anleitung und soziale Interaktion funktionieren gut. Leichte Hol- und Bringdienste sind möglich. Komplexe physische Pflegeaufgaben hingegen nicht. Der Prototyp kostet derzeit so viel wie ein Kleinwagen; der geplante Marktpreis soll sich an den Kosten einer 24-Stunden-Pflegekraft orientieren – als monatlicher Servicevertrag.

Was Roboter können – und was nicht

Die ehrliche Bilanz zeigt: Pflegeroboter sind kein Allheilmittel, aber sinnvolle Ergänzungen in einem System unter Druck. Folgende Aufgaben können aktuelle Systeme zuverlässig übernehmen:

AufgabeLioPARORobody
Getränke/Mahlzeiten verteilen✅ Ja❌ Nein⚠️ Eingeschränkt
Medikamentenerinnerung✅ Ja❌ Nein✅ Ja (verbal)
Emotionale Begleitung⚠️ Eingeschränkt✅ Ja✅ Ja (via Mensch)
Demenztherapie❌ Nein✅ Ja (klinisch belegt)❌ Nein
Körperpflege/Transfer❌ Nein❌ Nein❌ Nein
Arztvisite (Ferndiagnose)❌ Nein❌ Nein✅ Ja
Autonome Navigation✅ Ja❌ Nein✅ Ja
Preis (ca. CHF)~80'000–120'000~6'000Abo (in Entwicklung)

Was Roboter nicht können – und auf absehbare Zeit nicht können werden – ist die eigentliche Pflegebeziehung: das Waschen, Anziehen, Lagern, die emotionale Präsenz in Momenten der Angst oder des Sterbens. Diese Aufgaben erfordern menschliche Empathie, Urteilsvermögen und körperliche Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was aktuelle Systeme leisten.

Akzeptanz: Bewohner und Personal reagieren unterschiedlich

Eine häufig unterschätzte Herausforderung ist die Akzeptanz. Studien der ZHAW zeigen, dass ältere Menschen Robotern gegenüber oft aufgeschlossener sind als erwartet – besonders wenn der Roboter klar als Maschine erkennbar ist und nicht versucht, menschlich zu wirken. PARO wird von Demenzpatienten häufig wie ein echtes Tier behandelt, was therapeutisch erwünscht ist.

Das Pflegepersonal reagiert ambivalenter. Einerseits wird die Entlastung bei repetitiven Aufgaben geschätzt. Andererseits bestehen Bedenken: Wird der Roboter meine Stelle ersetzen? Übernimmt er Aufgaben, die eigentlich menschliche Zuwendung erfordern? Franziska Feusi, Pflegeleiterin im Altersheim Platten, bringt es auf den Punkt: «Wir brauchen nicht teuer bezahlte Leute für Aufgaben, die jemand anderes besser übernehmen kann.» Die Herausforderung liegt darin, diese Grenze klar zu definieren.

Regulierung und Finanzierung in der Schweiz

Pflegeroboter fallen in der Schweiz unter das Medizinproduktgesetz (MepV), das auf der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR 2017/745) basiert. Je nach Risikoklasse sind unterschiedliche Konformitätsbewertungen erforderlich. PARO ist als Medizinprodukt der Klasse II zertifiziert. Lio operiert als Serviceroboter und unterliegt weniger strengen Anforderungen, solange er keine direkten medizinischen Interventionen vornimmt.

Die Finanzierung ist noch weitgehend ungeklärt. Die obligatorische Krankenpflegeversicherung (KVG) übernimmt Pflegeleistungen, aber keine Investitionskosten für Roboter. Einige Kantone und Stiftungen fördern Pilotprojekte. Curaviva Schweiz, der Verband der Alters- und Pflegeinstitutionen, setzt sich für klarere Finanzierungsmodelle ein. Bis eine systematische Vergütung existiert, bleibt der Einsatz von Pflegerobotern auf gut finanzierte Institutionen und Pilotprojekte beschränkt.

Ausblick: Was kommt als Nächstes?

Die nächste Generation von Pflegerobotern wird leistungsfähiger sein. Humanoide Systeme wie AIREC (Japan) oder die Plattformen von 1X Technologies können bereits einfache Körperpflegeaufgaben unterstützen. In der Schweiz forscht die ETH Zürich an Exoskeletten und Soft Robotics, die Menschen mit eingeschränkter Mobilität direkt unterstützen – ein Ansatz, der Robotik und menschliche Bewegung direkt verbindet.

Für Schweizer Altersheime bedeutet das: Wer heute mit Lio oder PARO Erfahrungen sammelt, wird morgen besser positioniert sein, wenn leistungsfähigere Systeme auf den Markt kommen. Die eigentliche Herausforderung ist nicht technischer Natur – sie ist organisatorisch, ethisch und finanziell. Welche Aufgaben sollen Roboter übernehmen? Wie verändert sich das Berufsbild der Pflegenden? Und wer bezahlt die Investition?

Die Antworten auf diese Fragen werden nicht in Forschungslabors gefunden, sondern in den Altersheimen von Meilen, Bern und Lugano – in der täglichen Praxis, im Dialog zwischen Bewohnern, Personal und Technologie. Die Robbe PARO auf dem Beistelltisch und Lio mit dem Wasserglas sind nicht die Lösung des Pflegenotstands. Aber sie sind ein ehrlicher Anfang.