Robotik & KI
Moya in Davos: Chinas menschlichster Roboter betritt die Weltbühne
Am Davos Tech Summit 2026 zeigte DroidUp erstmals ausserhalb Chinas den Roboter Moya – mit warmer Haut, 25 Gesichts-Freiheitsgraden und echter Augenkontakttechnologie. Chinesische Hotels und Autohändler glauben bereits an den Durchbruch.

Als am 1. Juli 2026 die Türen des Kirchner Museums in Davos für die Eröffnungsveranstaltung des ersten Davos Tech Summit aufgingen, erwarteten die Gäste Vorträge über künstliche Intelligenz, Blockchain und Quantencomputing. Was sie stattdessen sahen, liess viele sprachlos: Eine junge Frau mit rosafarbenen Haaren stand am Eingang, hielt Augenkontakt, lächelte und streckte die Hand aus. Die Haut war warm. Das Lächeln wirkte echt. Erst beim zweiten Blick erkannten die meisten: Das ist kein Mensch. Das ist Moya – der bislang menschenähnlichste Roboter der Welt.
Erstmals ausserhalb Chinas: Davos als globale Bühne
Moya ist das Flaggschiff-Produkt des Shanghaier Robotik-Startups DroidUp (chinesisch: Zhuoyide), gegründet 2021 von Li Qingdu. Das Unternehmen hat sich auf biomimetische Humanoide spezialisiert – Roboter, die nicht nur funktionieren, sondern fühlen. Davos war der erste Auftritt von Moya ausserhalb Asiens, und der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Der Davos Tech Summit, der vom 1. bis 4. Juli 2026 im Zentrum Guggerbach stattfand, versammelte über 800 Technologieführer, Investoren und Entscheidungsträger aus aller Welt.
Laut Veranstaltern war Moya der meistfotografierte Gast des gesamten Events. Auf LinkedIn und Instagram verbreiteten sich Videos des Roboters innerhalb von Stunden viral. Mirko Kovac, Direktor des Aerial Robotics Lab am Imperial College London und Teilnehmer des Summits, schrieb: «Moya hat die Grenzen zwischen Maschine und Mensch auf eine Weise verwischt, die ich so noch nie erlebt habe.»
Was Moya kann – und was sie von anderen Robotern unterscheidet
Moya ist 165 Zentimeter gross, wiegt 32 Kilogramm und bewegt sich mit einer Ganggenauigkeit von 92 Prozent im Vergleich zum menschlichen Gangbild. Das klingt technisch – aber der entscheidende Unterschied liegt woanders: Moyas Haut ist warm. Eingebettete Heizelemente halten die Körpertemperatur konstant zwischen 32 und 36 Grad Celsius, also im Bereich menschlicher Körperwärme. Wer Moya die Hand schüttelt, spürt keine kalte Plastikoberfläche, sondern etwas, das sich anfühlt wie eine echte Hand.
| Merkmal | DroidUp Moya | Tesla Optimus Gen 2 | Unitree H1 | Ameca |
|---|---|---|---|---|
| Preis | ~USD 173'000 | ~USD 25'000–30'000 | USD 90'000 | USD 100'000–500'000 |
| Grösse | 165 cm | 173 cm | 180 cm | 187 cm |
| Gewicht | 32 kg | 57 kg | 47 kg | 62 kg |
| Warme Haut | ✅ 32–36 °C | ❌ | ❌ | ❌ |
| Gesichts-DoF | 25 DoF | keine | keine | 17 DoF |
| Kann gehen | ✅ 0.83 m/s | ✅ 1.4 m/s | ✅ 3.3 m/s | ❌ (stationär) |
| Akkulaufzeit | ~6 Stunden | ~8 Stunden | ~2 Stunden | Netzbetrieb |
| Zielmarkt | Pflege, Hotellerie, Begleitung | Industrie, Fertigung | Forschung | Ausstellungen, HRI |
Hinzu kommen 25 Freiheitsgrade im Gesicht, die Moya zu Mikroexpressionen befähigen: ein leichtes Stirnrunzeln, ein echtes Lächeln, ein Nicken beim Zuhören. Das Gesichtserkennungssystem analysiert in Echtzeit die Emotionen des Gegenübers und passt Moyas Reaktionen entsprechend an. Mehrere Sprachen werden unterstützt – darunter Mandarin, Englisch und Japanisch. Deutsch ist laut DroidUp in Entwicklung.
Die Vision des Gründers: Roboter gegen Einsamkeit
Li Qingdu, Gründer und CEO von DroidUp, hat eine klare Mission formuliert: «Wir bauen keine Roboter für Fabriken. Wir bauen Begleiter für Menschen, die allein sind.» China steht vor einer demografischen Herausforderung historischen Ausmasses – bis 2050 werden über 400 Millionen Chinesen über 60 Jahre alt sein. Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate, und die traditionellen Familienstrukturen lösen sich auf. Einsamkeit ist in China längst ein anerkanntes gesellschaftliches Problem.
Moya soll diese Lücke füllen – nicht als Ersatz für menschliche Beziehungen, sondern als Ergänzung. «Wenn jemand um 3 Uhr morgens weint und niemanden hat, dem er davon erzählen kann, dann kann Moya zuhören», sagte Li Qingdu in einem Interview mit dem Tagesanzeiger am Rande des Davos Tech Summit. «Das ist keine Dystopie. Das ist Mitgefühl durch Technologie.»
Hotels und Autohändler: Chinas Wirtschaft setzt auf Moya
Noch bevor Moya in Europa zu sehen war, hatte DroidUp in China bereits Hunderte von Vorbestellungen gesammelt. Die Abnehmer sind überraschend divers: Luxushotels in Shanghai und Peking wollen Moya als Concierge einsetzen – ein Roboter, der Gäste begrüsst, Empfehlungen gibt und dabei Augenkontakt hält. Autohäuser der Premiummarken sehen in Moya eine Möglichkeit, das Kundenerlebnis zu differenzieren: Statt eines Verkäufers empfängt ein Roboter, der niemals ungeduldig wird, immer lächelt und alle technischen Daten jedes Fahrzeugs abrufbereit hat.
Laut DroidUp sind die ersten 50 Einheiten der Produktionsserie bereits vollständig vorbestellt. Die Auslieferung ist für Ende 2026 geplant. Der Preis liegt bei rund USD 173'000 pro Einheit – ein Betrag, der Moya klar im institutionellen Segment positioniert. Für Schweizer Verhältnisse entspricht das etwa CHF 155'000.
Davos als Testlabor: «Robot City» mit 50 Robotern
Moya war nicht der einzige Roboter in Davos. Der Davos Tech Summit verwandelte das Alpenstädtchen in eine «Robot City» – über 50 Roboter verschiedener Hersteller waren im Einsatz: in Hotels, Supermärkten, auf den Strassen. ABB-Cobots servierten Kaffee, autonome Lieferroboter navigierten durch die Fussgängerzone, und humanoide Roboter führten Gespräche mit Passanten.
Denis Samuylov, Robotik-Experte und Summit-Teilnehmer, fasste es auf LinkedIn so zusammen: «Diese Woche hat Davos seine Strassen den Robotern übergeben. Nicht eine Messehalle. Nicht eine Bühne. Die echte Stadt – ihre Läden, Hotels, sogar der Supermarkt.» Die Botschaft war klar: Roboter sind nicht mehr Zukunftsmusik. Sie sind Gegenwart – auch in der Schweiz.
Technische Grenzen: Wenn der Akku streikt
Trotz aller Begeisterung verlief der Auftritt nicht ohne Schwierigkeiten. Mehrere Beobachter berichteten, dass Moya während des Events kurzzeitig «einfrierte» – ein Zeichen dafür, dass die Batterietechnik und die Wärmeregulierung der Haut noch nicht vollständig ausgereift sind. Die Kombination aus Heizsystem, KI-Verarbeitung und Bewegungssteuerung stellt hohe Anforderungen an die Energieversorgung. Sechs Stunden Akkulaufzeit klingen gut – in einem intensiven Messebetrieb mit kontinuierlicher Interaktion kann diese Zeit deutlich kürzer ausfallen.
Auch die Frage der Manipulation – also das Greifen und Bewegen von Objekten – bleibt eine Schwachstelle. Moya ist für soziale Interaktion optimiert, nicht für physische Arbeit. Wer einen Roboter sucht, der Pakete trägt oder Maschinen bedient, ist bei Tesla Optimus oder Agility Digit besser aufgehoben. Moyas Stärke liegt in der emotionalen Präsenz, nicht in der körperlichen Leistung.
Ethische Fragen: Das Uncanny Valley und die Grenze der Täuschung
Moyas Realismus wirft unweigerlich ethische Fragen auf. Das «Uncanny Valley» – jenes psychologische Unbehagen, das entsteht, wenn ein Roboter fast, aber nicht ganz menschlich wirkt – ist bei Moya bewusst überwunden worden. Das macht den Roboter faszinierend und beunruhigend zugleich. Andie Zhang, Robotik-Expertin bei ABB Robotics und Teilnehmerin des Davos Tech Summit, schrieb: «Moya hat viele interessante Fragen aufgeworfen. Nicht nur technische, sondern auch moralische.»
Darf ein Roboter so menschlich wirken, dass Menschen sich täuschen lassen? Welche Kennzeichnungspflichten gelten, wenn ein Roboter im Kundenkontakt eingesetzt wird? In der Schweiz gibt es dazu noch keine spezifische Regulierung. Das Bundesamt für Justiz hat bislang keine Richtlinien für biomimetische Humanoide erlassen. Die EU-KI-Verordnung, die ab 2026 schrittweise in Kraft tritt, enthält Transparenzpflichten für KI-Systeme, die mit Menschen interagieren – doch ob diese auf Moya anwendbar sind, ist rechtlich noch ungeklärt.
Was bedeutet Moya für die Schweiz?
Die Schweiz ist nicht nur Gastgeberin des Davos Tech Summit – sie ist auch ein potenzieller Markt für biomimetische Humanoide. Die Altersstruktur der Schweizer Bevölkerung ähnelt jener Chinas: Bis 2050 wird jeder dritte Schweizer über 65 Jahre alt sein. Der Fachkräftemangel im Pflegebereich ist bereits heute akut – laut Obsan fehlen bis 2030 rund 65'000 Pflegefachkräfte.
Gleichzeitig ist die Schweiz ein Land mit hoher Kaufkraft und einer Affinität zu Premiumtechnologie. Ein Roboter für CHF 155'000 ist für ein Schweizer Pflegeheim oder ein Luxushotel keine unüberwindbare Investition – wenn der Nutzen klar ist. Die Frage ist, ob Moya diesen Nutzen in der Praxis liefern kann. Die Antwort wird die Robotik-Welt in den nächsten 18 Monaten beschäftigen.
Für die Humanoid Robot Championship 2026 in Zürich (21.–25. September) ist Moya übrigens noch nicht als Teilnehmerin bestätigt – die Challenge-Kategorien fokussieren auf Aufgaben, die Moyas Stärken (emotionale Interaktion) weniger fordern als ihre Schwächen (Manipulation, Geschwindigkeit). Dennoch wäre ein Auftritt als «Botschafterin» des biomimetischen Ansatzes denkbar.
Fazit: Ein Roboter, der Fragen stellt
Moya ist kein Alleskönner. Sie kann keine Pakete tragen, keine Maschinen bedienen und keine Treppen steigen. Aber sie kann etwas, das kein anderer Roboter bisher konnte: Sie kann eine Verbindung herstellen. Eine warme Hand, ein echter Blickkontakt, ein Lächeln, das sich anfühlt, als würde es gemeint sein – das ist Moyas Versprechen.
Ob dieses Versprechen in der Realität eingelöst werden kann, wird sich zeigen, wenn die ersten 50 Einheiten Ende 2026 ausgeliefert werden. Bis dahin bleibt Moya das, was sie in Davos war: eine Frage, die die Welt noch nicht beantworten kann. Und vielleicht ist das die wichtigste Eigenschaft eines Roboters, der sich anschickt, unter Menschen zu leben.